Ankerwunde im Seegras
Seegraswiesen

Ankerwunde im Seegras

In einer Tiefe von kaum mehr als fünf bis acht Metern flutet das mediterrane Mittagslicht in weichen Gottesstrahlen und tanzenden Kaustiken durch die Wassersäule und taucht die ausgedehnte *Posidonia oceanica*-Wiese in ein lebendiges Blaugrün, das weit und breit kein menschliches Auge kennt. Mitten in diesem dichten Blätterteppich aus langen, bandförmigen Blättern, die in gleichmäßigen, strömungsgetriebenen Wellen undulieren, klafft eine ovale Wunde aus blankem Karbonatsand: Der Boden ist hier aufgerissen, dunkle Faserbüschel des charakteristischen *matte*-Horizonts – jenes aus abgestorbenen Rhizomen und Wurzellagen aufgebauten Torfpolsters, das Jahrhunderte des langsamen Wachstums repräsentiert – liegen freigelegt am abrupten Rand der Lichtung, ein Zeugnis der außergewöhnlichen Empfindlichkeit dieses Ökosystems, das zu den kohlenstoffreichsten und artenvielfältigsten Lebensräumen der Küstenzone zählt. Entlang der intakten grünen Grenzlinie drängen sich Jungfische dicht aneinander – zierliche Silberbrassen, kleine Lippfische, ein fadenfeiner Seenadel, der sich zwischen die Blätter schmiegt, und durchscheinende Garnelen nahe dem Blattwerk –, während einzelne abgerissene Blattfragmente lautlos über den offenen Sand treiben und winzige Sauerstoffbläschen auf den sonnenbeschienenen Blättern perlen, erzeugt durch die Photosynthese dieser blühenden Gefäßpflanze, die – anders als Algen – echte Wurzeln in das Sediment senkt und den Meeresboden chemisch wie physikalisch stabilisiert. Feines marinen Schneetreiben schwebt frei durch die Wassersäule, in natürlichem Streulicht allgegenwärtig sichtbar, und erinnert daran, dass diese Welt vollständig in sich selbst existiert – still, lichtdurchflutet und ohne jedes menschliche Zutun.

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