Schwarzraucher Kathedrale
Hydrothermale Schlote

Schwarzraucher Kathedrale

Aus den Rissen einer mittelozeanischen Spreizungszone steigen sulfidische Türme auf, die über Jahrzehnte aus präzipitierenden Mineralen gewachsen sind – Anhydrit, Pyrit, Chalkopyrit – und nun schwarze Fahnen aus überhitztem Wasser in die absolute Dunkelheit entlassen, wo Temperaturen von 350 Grad Celsius auf eine Umgebung von kaum zwei Grad treffen und in Sekundenbruchteilen ausfällende Mineralwolken erzeugen. In Tiefen zwischen tausend und viertausend Metern, unter einem Druck, der jeden Hohlraum komprimiert und jede Bewegung verlangsamt, existiert hier ein vollständig chemoautotrophes Ökosystem: Bakterien und Archaeen oxidieren Schwefelwasserstoff und fixieren Kohlenstoff ohne jeden Sonnenstrahl, und ihre Biomasse trägt Riftia-Röhrenwürmer, Yeti-Krebse und ausgedehnte Betten weißer Muscheln der Gattung *Calyptogena*, die sich chemosynthetischen Symbionten in ihren Kiemen verdanken. Eine kupferblaue Chemilumineszenz – erzeugt durch die thermochemischen Reaktionen an der Grenze zwischen Hydrothermalfluid und Tiefseewasser – zeichnet die Turbulenzen über den Schloten nach, während der Basaltboden ringsum in scharfe, glasige Scherben gebrochen liegt, frisch aufgerissen von der tektonischen Unruhe, die diesen Ort überhaupt erst erschafft. Kein Licht erreicht diese Kathedrale aus Erz und Finsternis von oben; was hier leuchtet, kommt aus der Erde selbst.

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