Erstes Festmahl Meeresgrund
Ewige Nacht

Erstes Festmahl Meeresgrund

Der Lander-Scheinwerfer schneidet einen harten, kreisrunden Lichtkegel aus absoluter Schwärze und enthüllt eine gewaltige Pottwal-Kadaver, der reglos auf dem weichen Abyssalschlamm ruht – als läge er auf einer Bühne, die das Universum ringsum schlicht vergessen hat. Bei Drücken von mehreren hundert Bar und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ist jeder Sonnenstrahl seit Jahrtausenden erloschen, und das einzige Licht hier unten stammt von den LED-Strahlen des Landers und dem kalten Flackern vereinzelter Biolumineszenz tief im Nichts dahinter. Amphipoden bedecken das aufgerissene Speck- und Hautgewebe wie ein lebender Teppich, ihre Fressbewegungen so dicht und ununterbrochen, dass die pale, wächserne Oberfläche des Kadavers regelrecht zu vibrieren scheint – dieser erste, gierige Festschmaus markiert den Beginn eines Jahrzehnte währenden ökologischen Prozesses, der Kohlenstoff, Lipide und Stickstoff in die ansonsten nahrungsarme Tiefsee einschleust. Grenadiere – jene charakteristischen Tiefseebarsche mit ihrem massigen Kopf und dem fadenartig auslaufenden Schwanz – gleiten in langen, trägen Bögen an der Lichtkante entlang, tauchen kurz in den Kegel ein und verschwinden dann wieder im Dunkel, als wären sie selbst nur Gedanken dieser Finsternis. Marineschnee treibt durch den Strahl und funkelt wie Sternenstaub, während der Schlamm rund um den Wal leicht aufgewühlt und gefurcht ist und jenseits des Lichtkegels keinerlei Horizont, keine Struktur, keine Welt mehr existiert.

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