Die ROV-Kamera gleitet lautlos durch ein Niemandsland zwischen Licht und Dunkel – knapp 300 Meter unter der Oberfläche, wo der einfallende Tageslichtstrahl zu einem kaum wahrnehmbaren Kobaltschimmer verblasst und der Druck mit rund 31 Atmosphären auf jedes Bauteil des Tauchroboters lastet. Vor der Linse entfaltet sich der Tiefe Streuungsschicht in ihrer ganzen biologischen Dichte: transparente Garnelen treiben wie Glasscherben im Wasser, Rippenquallen – Ctenophoren – wabern als gelatinöse Geister in der Strömungslosigkeit, und die silbrig schimmernden Flanken weit entfernter Laternenfische blitzen kurz auf, bevor sie wieder im Dunkel verschwinden. Dann, einer nach dem anderen, entzünden sich elektrisch blaue Lichtpunkte – Biolumineszenz, erzeugt durch biochemische Oxidation von Luciferin –, kleine intensive Funken, die das Schwarz punktieren wie ein Sternenhimmel in Zeitlupe. Diese lebende Nebelschicht, historisch bekannt als akustischer „falscher Meeresgrund", der Sonarsignale des Zweiten Weltkrieges täuschte, ist keine Gesteinsformation, sondern eine der mächtigsten täglichen Tierwanderungen der Erde: In wenigen Stunden, bei Einbruch der Dunkelheit, wird diese gesamte biologische Wolke aus Hunderten Metern Tiefe an die Oberfläche aufsteigen.