Im Inneren eines tektonischen Risstals, rund zweieinhalb bis drei Kilometer unter der Meeresoberfläche, liegt der frische Kadaver eines Wals auf einem Boden aus geborstenem Kissenlava und schwarzem vulkanischem Sediment – ein flüchtiger Zufall der Tiefsee, der hier, weit entfernt von jedem Küstenregal, auf eine der lebensfeindlichsten Landschaften der Erde trifft. Der hydrostatische Druck übersteigt 250 Bar, Temperaturkurven nähern sich dem Gefrierpunkt, und dennoch explodiert das Leben: Dichte Schwärme von Amphipoden bedecken Rippenbögen und blassem Gewebe in pulsierenden Inseln kalten Blau- und Cyanlichts, deren Biolumineszenz das einzige Licht in dieser absoluten Dunkelheit bildet, während kleinere Aasfresser in kurzen grünblauen Aufblitzen zwischen den Knochen hindurchschießen. Der mittelozeanische Rücken, an dem divergierende tektonische Platten auseinanderdriften und Basaltmagma in junge Ozeankruste erstarrt, liefert im diffusen Hydrothermalausfluss aus frischen Eruptionsspalten zusätzlich eine chemische Energiequelle, die einen orangeroten chemolumineszenten Schleier über das Gestein legt und die schwarzen Basalthügel der Umgebung gerade noch als Formen erahnen lässt. Marineschnee und Mineralpartikel treiben frei durch die Wassersäule, ungefangen, ungeleuchtet – und der Walfall wird, wie es die Tiefseeökologie beschreibt, zur leuchtenden Oase: ein kurzlebiges Ökosystem, das innerhalb von Monaten Bakterienmatten, Borstenwürmer und schließlich Schwefeloxidierer ernähren wird, bis auch der letzte Knochen vom Rückenkamm verschluckt ist.